Untitled Document
BASLER ZEITUNG / 25.01.2002
Erschienen am: 25.01.2002

Wer das Risiko kennt, kann mit Biotech viel Geld verdienen

Biotechnologie könnte die Boombranche der kommenden Jahre werden. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls, wer den Referenten beim Genfer Kongress Biodata 2002 Glauben schenkt. Doch die Experten sind vorsichtig geworden. Die schwächelnde Konjunktur hat auch den Kursen der Biotech-Firmen einen deutlichen Knick nach unten verpasst.
Genf. Die Bedingungen für die Biotechnologie sind günstig, sofern sie sich jedenfalls im weitesten Sinne mit der Gesundheit der Menschen beschäftigt. Die Bevölkerung in den Industrieländern wird immer älter, und wer älter wird, ist anfälliger für Krankheiten und muss, will er sein Alter geniessen, mehr für die Gesundheit tun. Die nötigen Wirkstoffe dafür werden immer öfter mit Hilfe der Biotechnologie kreiert. Der Forschung eröffnen sich dabei neue ungeahnte Möglichkeiten, gegen Krankheiten vorgehen zu können, die bislang als unheilbar gelten. Allein bei Serono, der grössten Schweizer Biotechnologie-Firma, und mit einer Marktkapitalisierung von knapp 14 Mrd. Dollar die drittgrösste weltweit, hat der Anteil von biotechnologisch erzeugten Produkten am Gesamtumsatz in den vergangenen fünf Jahren von etwa 25% auf mehr als 80% zugenommen. Der weltweite Gesundheitsmarkt wird von Fachleuten auf 2,5 Billionen Dollar geschätzt, der für Biotechnologie auf 500 Mrd. Dollar.
Eingriff in die Gene: Kranken eröffnen sich neue Heilungschancen, in den Augen der Fondsmanager leuchten Dollarzeichen. Foto Keystone
Es gibt also viel zu verdienen für die Firmen, aber auch für die Investoren. Doch wo ist das Geld am besten aufgehoben, wo bringt es die höchste Rendite? Die Unsicherheiten sind gross. Ein Podiumsgespräch mit fünf Fondsmanagern belegte das eindrücklich. Bei den Kriterien, nach denen sie eine Firma begutachten, stimmen die Experten noch weitgehend überein: Die Perspektiven müssen beurteilt werden, die Pipeline spielt eine Rolle, natürlich die Chancen auf dem Markt, mögliche Konkurrenten und die Qualität des Managements. Vor allem aber das Risiko muss beurteilt werden. Denn die Entwicklung eines neuen Medikamentes ist teuer, sie kostet je nach Aufwand bis zu 500 Mio. Dollar. Die genaue Beurteilung ist deshalb ein heikles Geschäft. «Für manche Produkte», sagt Leon Bushara, bei Serono für die Geschäftsentwicklung verantwortlich, «lassen sich relativ sichere Voraussagen treffen. Für andere - die Mehrzahl - dagegen nicht.» Und: «Wir wissen, dass viele Entwicklungen nie die Marktreife erlangen werden.» Wenn das Risiko für die Führungsspitzen der Biotech-Firmen schon schwierig einzuschätzen ist, um wieviel mehr dann für Fondsmanager, die zwar über gute, aber doch längst nicht alle Informationen verfügen, die in einem Unternehmen über ein Produkt vorhanden sind. Entsprechend urteilen sie dann auch.

US-Firmen sind die Renner

Bei der Frage nach ihren Favoriten für das Jahr 2002 gibt es bei den Fünfen auf dem Podium keine einzige Übereinstimmung. Und: Unter den vielleicht 20 genannten Firmen ist die Anzahl Schweizer oder europäischer Firmen verschwindend gering. Die meisten der potenziellen Anlage-Renner residieren in den USA. Keine Frage, die Musik spielt in den Vereinigten Staaten, den Schweizer und auch den europäischen Biotech-Firmen ist dabei allenfalls ein Nebenpart zugedacht.
Ist der Vorsprung überhaupt aufzuholen? Der naheliegenden Antwort sind die Mitglieder eines zweiten Podiums aus dem Wege gegangen. Sie beschäftigten sich lieber mit der Frage, ob die Schweiz in Sachen Biotechnologie in Europa den Ton angeben kann. Die war offensichtlich einfacher zu beantworten. Zweifellos habe die Schweiz ein beachtliches Potenzial, war die einhellige Meinung, knapp aber präzise begründet von Barry Wilson, Präsident von Medtronics, einer US-Gesellschaft, die sich vor einigen Jahren in Tolochenaz am Genfersee niedergelassen und dabei ihre eigenen Erfahrungen gemacht hat. «Die Schweiz liegt im Zentrum Europas», listete Wilson seine Gründe für eine positive Entscheidung für die Schweiz auf. «Sie verfügt über exzellente Universitäten, hat mit einer 42-Stunden-Woche die längsten Arbeitszeiten in Europa, zudem fast so niedrige Sozialabgaben wie in den USA, annehmbare Steuersätze und verfügt auch sonst über eine hohe Lebensqualität.» Das einzige Problem für seine Mitarbeiter: «Wir haben zwei Jahre lang gebraucht, um Tolochenaz richtig aussprechen zu können.»

Kritik an Forschungspolitik

Ganz so euphorisch wollten das dann doch nicht alle Redner sehen. Die Steuergesetzgebung benachteilige Venture-Kapitalgeber, hiess es. Und Patrick Aebischer, Präsident der Ecole Polytechnique in Lausanne, übte vorsichtige Kritik an der Forschungspolitik: Zwar sei die Forschung an den Universitäten gut etabliert. Doch gelte es, den Standard zu halten oder sogar noch zu verbessern. Der Trend gehe derzeit aber in die entgegengesetzte Richtung, weiss Aebischer aus eigener leidvoller Erfahrung. Die Budgets der Hochschulen würden zusammengestrichen. So sei der Wettbewerb auf Dauer nicht zu bestehen.
Ob es daran liegt, dass europäische und Schweizer Biotech-Unternehmen von den Fondsmanagern im Vergleich zu den USA eher skeptisch beurteilt werden? Möglicherweise kommt der Ursache dafür näher, wer sich anschaut, wie die Unternehmen sich ihren potentiellen Investoren präsentieren. Die Unterschiede sind bemerkenswert: Der Schweizer Kandidat gibt sich solide, nennt Gründungsjahr, Mitarbeiterzahl und gewährt ausführlich Einblick in die Finanzierung und die Produktepipeline. Die komplizierten chemischen Strukturen der Wirkstoffe werden an die Wand projeziert, der Entwicklungsstand der vielversprechenden Heilsbringer wird detailliert beleuchtet. Dazu gibt es noch eine umfangreiche Dokumentation für das Studium daheim. Beim Ableger eines US-Unternehmens, das bald an die Schweizer Börse will, gibt es nichts davon: Eloquent schildert der Referent die Vorzüge seiner Firma. «Wir wollen Weltmarktführer werden», formuliert er kurz und bündig das Unternehmensziel. Dass das Produkt dazu taugt, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, erklärt wird es nur noch oberflächlich. Das Management dagegen wird mit all seinen Vorzügen vorgestellt, vor allem aber mit seinen guten Kontakten, unter anderem zur FDA, der US-Behörde, die für die Zulassung neuer Medikamente zuständig ist. Dazu kommen verheissungsvolle Kurven über Umsatz und Gewinn. Der liegt derzeit zwar noch bei null, steigt aber in den kommenden Jahren exponentiell an. Der Fantasie der Fondsmanager sind keine Grenzen gesetzt.
Reiner Bluff ist das nicht, wie sich die US-Firma präsentiert. Aus kundigem Mund erfahren wir später, dass das Produkt durchaus das Zeug hat, auf dem Weltmarkt zu reüssieren. Es ist womöglich die so ganz andere Kultur der Selbstdarstellung, die die Entscheidungsträger bei den Biotech-Venturefonds ein kleines bisschen mehr überzeugt und die so dafür sorgt, dass US-Firmen leichter an Geld kommen und so ihren ohnehin schon ordentlichen Vorsprung vor der Schweiz und Europa noch weiter ausbauen können.

Lokal investieren hat Vorteile

Dass Schweizer Firmen nun doch nicht ganz leer ausgehen, dafür sorgen Schweizer Risikofonds. Lokal zu investieren hat seine Vorteile, auch wenn die Firma in Übersee höhere Gewinne verspricht: Hier kennt man die Firma und kann ihre Entwicklung ständig im Auge behalten. Bei Investitionen in den USA bleibt diese Kontrollmöglichkeit weitgehend aussen vor. Gegen böse Überraschungen in Folge falsch eingeschätzter Risiken ist man da noch weniger gefeit.

Von Heiner Hiltermann